Erhartinger Bittgänge und Wallfahrten

Bittgänge und Wallfahrten kommen in allen Religionen vor. Im Christentum sind sie ein Zeichen den Glauben an Gott, an die Macht des vertrauenden Gebetes und die Fürsprache der Heiligen zu bekunden. Die Bitttage in der Zeit des Wachstums der Feldfrüchte zwischen Aussaat und Ernte haben in ihrem Ursprung eine landwirtschaftliche Ausrichtung. Unheil, auch durch Unwetter, wurde als Folge menschlicher  Schuld begriffen. Die Bitttage haben daher einen Bußcharakter. An den Bitttagen werden Bittprozessionen gehalten, regional auch Bittgang genannt, bei denen um eine gute Ernte gebetet wird. Die Prozessionen führen durch Feld und Flur und werden auch mit germanischen Rechtsbräuchen in Verbindung gebracht, wonach jeder Grundeigentümer einmal im Jahr seinen  Besitz umschreiten mußte, um den Besitzanspruch aufrechtzuerhalten.

Die Bitttage in der Woche von Christi Himmelfahrt werden auch als Gang-, Bet- oder Kreuzwoche bezeichnet. Die Flurumgänge und Bittgänge begannen vor dem 2. Vatikanischen Konzil am Markustage (25. April) und endeten mit dem Erntefest Ende August. Auch der Wettersegen wurde in diesem Zeitraum gespendet. Dazu vermerkt der Erhartinger Coadjutor (Kaplan) Franz Xaver Sebrich im Jahr 1859 folgendes: Der erste wird gehalten am St. Markustag und wird fortgesetzt bis zum Erntefest um Mitte bis Ende August. Auch ist es der Brauch, daß beim Herannahen grober Gewitter der Wettersegen still in der Kirche gegeben wird, insofern möglich so lange der Wettersegen gegeben wird, wird zu Mittag mit 3 Glocken geläutet.“ 

Eine ganz besondere Wirkung sprach man den Bittgängen in der Woche von Christi Himmelfahrt zu. Diese auch als Schauerwoche bezeichnete Zeit war nicht nur für die Bittgänger von Bedeutung sondern auch für die Anwohner an den Prozessionswegen. Schon Wochen vorher setzte in den am Weg liegenden Ortschaften emsiges Treiben ein. Die Höfe und Häuser wurden auf Hochglanz gebracht, geweißelt, gestrichen und geputzt, weil ja in dem Jahr die Kreuzleut die Tour durchs betreffende Dorf nahmen.
Böse Zungen behaupten ja auch, dass die Schauerwoche wegen des neugierigen Schauens der Bittgänger so heißt. Wenn wir heute Begriffe wie Kreuzwoche, Kreuzleut oder Kreuzgänger hören dann hängt das damit zusammen, dass bei all diesen Bittgängen, Prozessionen und Wallfahrten das Kreuz vorangetragen wurde.

Forschen wir in den Aufzeichnungen des Erhartinger Coadjutors weiter, erfahren wir, dass die Erhartinger am Markustage um 5 Uhr früh den Bittgang um die Felder begannen wobei das Allerheiligste im Ziborium mitgetragen wurde und die vier Evangelien auf dem Weg nach Töging gelesen und dort in der Kirche die Allerheiligen Litanei gebetet wurde. Auf dem Rückweg von Töging zur Erhartinger Pfarrkirche fand diese „Frühschicht“ mit dem Bittamt im örtlichen Gotteshaus ihren Abschluß. 
Neben diesen Aufzeichnungen des Erhartinger „Gsell Priesters“ (Kaplan) geben uns die Kirchenrechnungen des „würdigen St. Peters Gottshaus zu Erharting“ einen interessanten Einblick in das Wallfahrtsgeschehen längst vergangener Zeiten. Die älteste Rechnung von 1553 enthält schon einen Ausgabenbetrag von 1 Fl (Gulden) für den Pfarrer, für all seine Kreuzgäng.
Ab dem Jahr 1559 erfahren wir, dass die Kreuzgänge nach Altötting und Neumarkt St. Veit führten. Später kamen noch Penning (Heilig Geist) bei Stetten, Winhöring und Ecksberg als Gnadenorte hinzu. Ab dem Jahr 1623 pilgerten die Erhartinger nach Taubenbach in Niederbayern.
Diesen Wallfahrerzug begleitete der Erhartinger Pfarrer hoch zu Roß. Für seine Mehrauslagen bekam er aus der wohlhabenden Frixinger Kirchenkasse einen Zuschuß von zwei Gulden.

Ab 1643 suchten die Erhartinger Wallfahrer den Marienwallfahrtsort in Teising bei Neumarkt auf. Des Weiteren  pilgerten die Erhartinger nach Mößling, am Dienstag in der Bittwoche war Pleiskirchen das Ziel, am Samstag gingen die Bußfertigen nach Pürten und am Pfingstmontag zum Heiligen Salvator nach Ecksberg. Am Quatember oder Hohenmittwochen (Mittwoch nach Pfingsten) führte der Weg zu St. Peter nach Winhöring. Natürlich durfte der Bittgang nach Hampersberg nicht fehlen. Zu bemerken ist noch, dass die Erhartinger lange Zeit zweimal im Jahr nach Altöttting gingen, nämlich im Mai und September.

Dies sind nur die wichtigsten Umgänge rund um Christi Himmelfahrt. Besonders herausragend war schon immer der „Schauerfreitag“, denn nach vielen Legenden steht an diesem Tag, nach der Himmelfahrt Christi, das Himmelstor noch weit offen und somit für alle irdischen Sehnsüchte zugänglich.

Nach der Himmelfahrt folgt das Hochfest Pfingsten demzufolge der Heilige Geist auf die Jünger Jesu herabkam. Während an Christi Himmelfahrt die „Auffahrt“ mittels einer Figur in der Erhartinger Kirche dargestellt wurde, nahm man von einer Erscheinung des Heiligen Geistes an Pfingsten in Erharting Abstand. In der Zeit um Pfingsten begann auch vielerorts das Weidejahr zu dem die Rinder auf die Wiesen getrieben wurden. Als Leittier war meistens ein erfahrener Ochse auserkoren. Wegen seiner besonderen Stellung innerhalb der Herde erhielt er einen besonderen Kopfschmuck. Dieser Aufputz begegnet uns bis heute in dem Ausspruch „Der is aufputzt wia a Pfingstochs“. 

Am Fest Corporis Christi (Fronleichnam) war wiederum eine Prozession um die „seligen Kornfücht“ zu den Fluren von Erharting und im Dorf anberaumt. Die bis heute obligatorische Schmückung der Altäre und Kirchenpforten mit Birkenbäumchen hat ihren Ursprung darin, dass man dem Heiligen Geist in Gestalt einer Taube einen Rast- und Sammelplatz im Birkengezweig anbieten wollte um ihn so gütig zu stimmen. Neben diesen regionalen Wallfahrtszielen sind noch die Wallfahrten nach St. Wolfgang in Österreich und zum Pestpatron St. Sebastian nach Ebersberg erwähnenswert. Während St. Wolfgang bis in die Neuzeit immer wieder von Erhartinger Pilgern besucht wurde, fand der Marsch der Bußfertigen nach Ebersberg vor genau 150 Jahren zum letzten Mal statt. An beiden Gnadenorten erinnern Votivtafeln und Votivkerzen an die Erhartinger Kreuzgänger.

Die Jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Erzbistum Salzburg dürfte einer der wichtigsten Gründe zum Aufsuchen dieses weit entfernten Ortes gewesen sein, während man beim Heiligen Sebastian von Ebersberg aufgrund der immer wieder verheerenden Pestepidemien Schutz suchte. Die Wallfahrt nach Ebersberg kann ab dem Jahr 1677 fast lückenlos nachgewiesen werden, denn die finanziellen Aufwendungen hierfür erscheinen regelmäßig in den Kirchenrechnungen. Während sich dieser Bußmarsch zur Verschonung vor dem „Schwarzen Tod“ wie die Pest auch genannt wurde, sich bei den Gläubigen allgemeiner Beliebtheit erfreute, war die Begeisterung hierfür bei den Erhartinger Geistlichen äußerst negativ. Als Begründung nannte der zuständige Pfarrer, „ dieser Kreuzgang ist für den Pfarrer eine wahre Plage. Abgesehen davon, daß er am ersten Tage 14 Stunden marschieren muß und er es nicht richtig findet, daß er als einziger Priester in hiesiger Pfarrei mit 100 Gläubigen eine Wallfahrt von dreitägiger Dauer macht 900 Christen ohne geistliche Betreuung zurückläßt.“ So entschloss sich der geistliche Herr die alle drei Jahre stattfindende Wallfahrt nur gegen eine entsprechende Sonderzahlung zu begleiten. Die Leute gingen zähneknirschend auf seine immer höheren Geldforderungen ein. Als er aber nach einigen Jahren das Dreifache seines ursprünglichen Sondergehaltes verlangte, platzte den Erhartingern der Kragen und sie engagierten ihren ehemaligen Kaplan Johann Bauer der inzwischen in Lohkirchen wirkte. Als dann die Wallfahrt zum Pestpatron im Zuge der Säkularisation im Jahr 1803 zum Erliegen kam, dürfte dies vor allem dem Erhartinger Pfarrer sehr entgegen gekommen sein.

Wallfahrt wird wieder aufgenommen

Am 2. Mai 1839 konnte der Erhartinger Kaplan Sebastian Götz nach einer Zwangspause von 36 Jahren wieder eine Wallfahrergruppe nach Ebersberg begleiten. Auch er traf auf wenig Gegenliebe für diese wiederum aufgenommene religiöse Tradition beim Erhartinger Ortsgeistlichen. Aus dieser Zeit liegen sehr ausführliche Aufzeichnungen über die Route und die vielfältigen finanziellen Aufwendungen vor. Um diesen alle drei Jahre stattfindenden Wallfahrtsgang zu finanzieren wurden in der Pfarrei zu der auch Töging, Aham und Mühldorf Hart gehörten, Haussammlungen durchgeführt. Die einzelnen Ausgabenposten umfassten neben den Unkosten für den Pfarrer, Mesner, Ministranten, Musikanten, Fahnen- und Christusträger, Vorsänger, für das „Durchläuten, Ein- und Ausbegleiten durch den Ortsgeistlichen in den einzelnen auf dem Pilgerweg liegenden Pfarreien, sowie das Futtergeld für einige Pferde des Liebhartenbauern die als Lastenträger dabei waren. Neben einer Proviantgrundverpflegung hatte man aus Billigkeitsgründen den Sebastianiwein beim Mühldorfer Lebzelter Niggl eingekauft.

Foto: inn-sider.de

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