Die wochenlange Hitze belastet nicht nur die Rheinschifffahrt, sie macht auch den Gewässern in der Region zu schaffen. Während am Inn bislang keine kritischen Temperaturschwellen überschritten wurden, lagen die Werte an der Isen tageweise über einem ökologischen Orientierungswert. Die Fischereifachberatung registriert 2026 zugleich mehr Notabfischungen, Bergungen und Fischsterben. Einen eigenen Hitze-Einsatzplan für Inn und Isen gibt es nicht.
Die Folgen der Hitzewelle zeigen sich in der Inn-Salzach-Region nicht überall gleich. Der Inn verfügt trotz steigender Wassertemperaturen noch über einen vergleichsweise stabilen Abfluss. Deutlich angespannter ist die Situation an der Isen, der Rott, ihren Nebenbächen und zahlreichen kleinen Gewässern. Manche Bäche, Gräben, Tümpel und Weiher sind bereits ausgetrocknet oder führen nur noch sehr wenig Wasser.
Das geht aus Antworten des Wasserwirtschaftsamts Rosenheim und der Fachberatung für Fischerei des Bezirks Oberbayern auf Anfragen von Inn-sider hervor. Anlass war ein Antrag der Grünen-Landtagsfraktion mit dem Titel „Alarmstufe Rot für Bayerns Gewässer“. Die Grünen fordern unter anderem schnellere Renaturierungen, beschattete Uferstreifen, Hilfen für Fischereivereine und Alarmpläne für alle Gewässerordnungen.
Kaltwasserarten leiden zuerst
Besonders empfindlich reagieren Fischarten, die an kaltes und sauerstoffreiches Wasser angepasst sind. Dazu zählen nach Angaben von Dr. Bernhard Gum von der Fischereifachberatung Forellen, Saiblinge, Rutten und Renken.
Solange die Tiere in tiefere, kühlere und ausreichend sauerstoffreiche Bereiche ausweichen können, müsse noch nicht zwangsläufig etwas passieren. Kritisch werde die Situation, wenn zu hohen Temperaturen und niedrigem Wasserstand weitere Belastungen hinzukommen.
Dazu können ein intensiver Freizeitbetrieb, der die Fische wiederholt aufscheucht, der Einfall von Fressfeinden oder der Eintrag von organischem Material nach lokalen Starkregenfällen gehören. Starke Algen- und Wasserpflanzenentwicklung kann ebenfalls problematisch werden: Tagsüber entsteht durch die Photosynthese viel Sauerstoff, nachts kann der Sauerstoffgehalt dagegen deutlich absinken.
„Die Kombination solcher Stressfaktoren kann letztlich dann größere Fischsterben auslösen, und es können im Extremfall dann alle Arten und Altersklassen betroffen sein“, sagt Gum. Extremfall bedeute, dass der Sauerstoffgehalt auf null fällt.
Mehr Notabfischungen und Bergungen
Die Fischereifachberatung verzeichnet 2026 nach eigenen Angaben eindeutig mehr Meldungen über Notabfischungen, Fisch- und Muschelbergungen sowie Fischsterben infolge von Austrocknung oder starkem Sauerstoffmangel.
Als Beispiele für Gewässer, an denen die Lage kritisch sei und bleibe, nennt Gum die Isen und die Rott mit ihren Seitengewässern. Viele kleine Gewässer seien bereits ausgetrocknet. Dort gingen nicht nur Fischlebensräume verloren, sondern auch Bestände von Krebsen, Muscheln, Insekten und Amphibien.
Auffällig ist in diesem Sommer zudem das Verenden größerer Hechte in flachen und stark erwärmten Gewässern. Der Hecht reagiere empfindlich auf die großen Schwankungen des Sauerstoffgehalts zwischen Tag und Nacht, erklärt Gum.
Wie viele Tiere noch gerettet werden können, hängt häufig davon ab, wie früh die Fachstellen und Fischereiberechtigten informiert werden. Sind Vereine und Helfer durch frühere Trockenperioden bereits vorgewarnt, lässt sich oft kurzfristig ein Team für eine Notabfischung zusammenstellen. Kommt die Meldung dagegen zu spät, stoßen Behörden und Helfer schnell an ihre Grenzen.
„Wenn wir kontaktiert werden, versuchen wir direkt praktische Hilfestellung zu geben und zu vermitteln, wo wir können“, sagt Gum. „Nicht selten rücken wir auch selbst aus, wenn es sich vor Ort sonst nicht anders organisieren lässt.“
Ohne das ehrenamtliche Engagement von Fischereivereinen, Naturschutzverbänden und Privatpersonen wären die Verluste nach Einschätzung der Fachberatung jedoch deutlich größer. Eine flächendeckende Kontrolle aller gefährdeten Kleingewässer könne die Behörde selbst nicht leisten.
Inn bislang ohne kritische Temperaturschwelle
Am Inn stellt sich die Lage weniger dramatisch dar. Nach Angaben von Michael Holzmann, beim Wasserwirtschaftsamt Rosenheim zuständig für den Landkreis Mühldorf und den nördlichen Landkreis Rosenheim, wurden dort bislang keine kritischen Temperaturschwellen überschritten.
Allerdings beobachtet das Amt steigende Wassertemperaturen, unter anderem am Pegel Wasserburg. Automatisierte Sauerstoffmessungen gibt es an Inn und Isen nicht. Vorliegende Einzelmessungen werden im Gewässerkundlichen Dienst veröffentlicht.
An der Isen wurden dagegen tageweise die Temperatur-Orientierungswerte der Oberflächengewässerverordnung für die dortige Fischgemeinschaft überschritten. Das bedeutet nach Darstellung des Wasserwirtschaftsamts noch nicht, dass unmittelbar ein Fischsterben bevorsteht. Der Wert dient vielmehr als Maßstab dafür, ob ein Gewässer nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie einen guten ökologischen Zustand erreicht.
Auch die Fischereifachberatung zeichnet für den Inn ein differenziertes Bild. In größeren Flüssen mit relativ stabilem Abfluss habe es in diesem Sommer zum Teil sogar eine erfreulich gute Entwicklung der Jungfische gegeben. Begünstigt worden sei diese unter anderem dadurch, dass starke Hochwasserereignisse im Frühsommer ausblieben.
Kein Hitze-Einsatzplan für Inn und Isen
Einen besonderen Hitze- oder Alarmplan für Inn und Isen gibt es nach Angaben des Wasserwirtschaftsamts nicht. Die Lage werde über Messstellen und den Niedrigwasser-Informationsdienst beobachtet. Wenn konkrete Probleme auftreten, sollen die beteiligten Stellen anlassbezogen reagieren.
Damit hängt die Reaktionsgeschwindigkeit stark davon ab, wann eine kritische Situation erkannt und gemeldet wird. Die Fischereifachberatung kann beraten, Helfer vermitteln und in einzelnen Fällen auch selbst zu einer Notabfischung ausrücken. Für ganz Oberbayern ist das jedoch nicht flächendeckend möglich.
Viele größere Fischereivereine verfügen über Belüfter, Elektrofischereigeräte, Fahrzeuge und Transportbehälter. Auch die Fischereifachberatung besitzt Boote, Elektrofanggeräte und Ausrüstung für Fischtransporte.
Belüftung hilft nicht überall
Eine künstliche Belüftung des Inns wäre nach Einschätzung der Fischereifachberatung kaum wirksam. Bei einem Fluss dieser Größe ließe sich ein Sauerstoffproblem auf diese Weise nicht lösen. Ein Szenario, in dem der Inn selbst künstlich belüftet werden müsste, wäre laut Gum „absolut dramatisch“.
Sinnvoll können Belüfter dagegen in vom Inn abgetrennten Altwässern, in der Isen und in kleineren Nebengewässern sein. Dort lässt sich eine akute Sauerstoffkrise möglicherweise überbrücken, bis sich Temperatur, Zufluss und Sauerstoffgehalt wieder stabilisiert haben.
Mehr als 30 Maßnahmen für die Isen
Für die Isen im Landkreis Mühldorf enthält das wasserwirtschaftliche Umsetzungskonzept mehr als 30 Maßnahmen. Vorgesehen sind unter anderem eine bessere Durchgängigkeit für Fische, neue Strukturen im Gewässerbett, mehr Beschattung und die Reaktivierung von Altarmen.
Das größte Hindernis bei der Umsetzung ist nach Angaben des Wasserwirtschaftsamts meist nicht fehlendes Geld oder Personal. Häufiger fehlen verfügbare Grundstücke oder die Akzeptanz für bestimmte Maßnahmen. Als Beispiel nennt Holzmann Totholz im Gewässer. Was ökologisch wertvolle Strukturen und Rückzugsräume schafft, wird vor Ort nicht immer als Verbesserung wahrgenommen.
Innkanal, Restwasser und fehlendes Geschiebe
Zwischen Jettenbach und Töging wird ein großer Teil des Innwassers über den Innkanal zum Kraftwerk Töging geleitet. Für die Ökologie des ursprünglichen Flussbetts ist deshalb entscheidend, wie viel Wasser in der sogenannten Ausleitungsstrecke verbleibt.
Das saisonal gestaffelte Restwasser wird am amtlichen Pegel Kraiburg überwacht und nach Angaben des Wasserwirtschaftsamts eingehalten. Die natürliche Geschiebedurchgängigkeit von oberhalb ist wegen der starken menschlichen Veränderung des Inns allerdings nicht mehr gegeben.
Die Wasserwirtschaftsämter Rosenheim und Traunstein versuchen deshalb, Kies innerhalb der Ausleitungsstrecke wieder zu mobilisieren. Zusätzlich wurden bei ökologischen Baumaßnahmen beträchtliche Mengen Kies in den Inn eingebracht. Umgehungsgewässer sollen die Wanderung der Fische ermöglichen. Außerdem untersucht die Technische Universität München derzeit in einem größeren Forschungsprojekt die Entwicklung des Inns.
Die Situation macht den Zielkonflikt sichtbar: Der Innkanal ist ein bedeutender Energielieferant für die Region. Gleichzeitig beeinflusst die Ausleitung den Wasser- und Geschiebehaushalt des ursprünglichen Flusses und damit die Verbindung zwischen Inn und Aue.
Die größte Gefahr liegt derzeit nicht im Hauptfluss
Der Grünen-Antrag fordert neben Renaturierungen und Alarmplänen auch eine stärkere Kontrolle großer Wassernutzungen durch Energie- und Industrieunternehmen. Zu den konkreten Folgen des Antrags für Inn und Isen wollte sich das Wasserwirtschaftsamt nicht äußern und verwies auf die weitere Behandlung im Landtag.
Die Antworten der Fachstellen zeigen jedoch, wo der dringendste Handlungsbedarf in der Region liegt. Am Inn steigen zwar die Temperaturen, eine akute ökologische Krise ist dort bislang aber nicht eingetreten. Besonders gefährdet sind derzeit die flachen, voll besonnten und wasserarmen Bäche, Altwässer, Weiher und Gräben.
Dort entscheidet häufig nicht ein großer Alarmplan, sondern eine rechtzeitige Meldung, ein erreichbarer Fischereiverein und die Frage, ob innerhalb weniger Stunden frisches Wasser, ein Belüfter oder ein Team für eine Notabfischung organisiert werden kann.