Josef Deimer – ein Leben für Landshut und die kommunale Selbstverwaltung

Zum Tod des langjährigen Landshuter Oberbürgermeisters und Ehrenbürgers Josef Deimer

Josef Deimer war eine der prägenden Persönlichkeiten der bayerischen Kommunalpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. 35 Jahre lang, von 1970 bis Ende 2004, stand er an der Spitze seiner Heimatstadt Landshut. Fast drei Jahrzehnte führte er zudem den Bayerischen Städtetag. Am 12. August 2026 ist Deimer im Alter von 90 Jahren gestorben. Nach Angaben der Stadt Landshut starb er in seiner Heimatstadt an den Folgen einer Lungenentzündung.

Sein politisches Leben lässt sich kaum auf die lange Amtszeit im Landshuter Rathaus reduzieren. Deimer war Kommunalpolitiker aus Überzeugung, überzeugter CSU-Mann und zugleich ein Politiker mit ausgeprägter Eigenständigkeit. Er setzte sich für die kommunale Selbstverwaltung ein, engagierte sich für soziale und bildungspolitische Themen und wurde innerhalb seiner eigenen Partei immer wieder als unbequemer, aber glaubwürdiger Gesprächspartner wahrgenommen.

Vom Bauingenieur zum Politiker

Josef Deimer wurde am 29. Mai 1936 in Landshut geboren. Er wuchs in Achdorf auf und war das jüngste von fünf Kindern. Sein Vater starb bereits 1938 bei einem Unfall. Nach seiner Schulzeit absolvierte Deimer zunächst ein Praktikum beim Straßenbauamt und studierte anschließend am Oskar-von-Miller-Polytechnikum in München. 1958 legte er sein Ingenieur-Examen ab. Anschließend arbeitete er als Bauingenieur beim Straßen- und Stadtbauamt Landshut, bevor er sich 1964 mit einem eigenen Ingenieurbüro für Tiefbau und Baustatik selbstständig machte.

Sein beruflicher Hintergrund war für seine spätere Politik nicht unbedeutend. Deimer war kein klassischer Berufspolitiker, der aus einer Parteizentrale heraus in die Kommunalpolitik wechselte. Er kannte Infrastruktur, Straßenbau, Stadtentwicklung und die praktischen Herausforderungen einer wachsenden Kommune aus eigener beruflicher Erfahrung.

1960 trat er der CSU und der Jungen Union bei. 1966 wurde er in den Landshuter Stadtrat gewählt und zugleich zum Dritten Bürgermeister bestimmt. Im selben Jahr zog er als direkt gewählter Abgeordneter für den Stimmkreis Landshut-Stadt und Land in den Bayerischen Landtag ein, dem er bis 1970 angehörte.

Mit 33 Jahren Oberbürgermeister

Der entscheidende Schritt folgte 1969: Josef Deimer wurde zum Oberbürgermeister von Landshut gewählt. Sein Amtsantritt erfolgte am 1. Januar 1970. Mit 33 Jahren war er damals der jüngste Oberbürgermeister der Bundesrepublik Deutschland.

Es sollte der Beginn einer außergewöhnlich langen kommunalpolitischen Ära werden.

Deimer wurde fünfmal wiedergewählt und blieb bis zum 31. Dezember 2004 ohne Unterbrechung im Amt. Bei seiner letzten Amtszeit war er der dienstälteste Oberbürgermeister Deutschlands. Der Bayerische Städtetag führt für seine Wiederwahlen die Jahre 1974, 1980, 1986, 1992 und 1998 auf. Besonders bemerkenswert war das Ergebnis von 1980: Damals erreichte Deimer 83,5 Prozent der Stimmen.

Dass ein Politiker über 35 Jahre hinweg das Vertrauen einer Stadtbevölkerung behalten konnte, sagt viel über Deimers Verhältnis zu Landshut aus. Er verstand sich nicht nur als Verwaltungschef, sondern als politischer Repräsentant seiner Stadt.

Bürgernähe als politisches Prinzip

Deimer galt als ausgesprochen bürgernah. Der direkte Kontakt zu den Menschen war für ihn kein Nebenaspekt seiner Arbeit, sondern Teil seines politischen Selbstverständnisses.

Nach aktuellen Berichten empfing er während seiner Amtszeit rund 40.000 Menschen in seinen Bürgersprechstunden. Die Zahl ist beeindruckend – noch wichtiger ist aber, was sie über seinen politischen Stil aussagt: Deimer wollte Probleme nicht ausschließlich über Behördenwege und Ausschüsse kennenlernen, sondern von den Menschen selbst erfahren.

Auch der damalige Bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm beschrieb Deimer 2016 als Politiker, der eine pragmatische, bürgernahe Politik betrieben habe, die sich an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientierte. Sie hob außerdem sein Engagement für soziale Gerechtigkeit und lebenswerte Kommunen hervor.

Diese Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern war vermutlich einer der Gründe für seine außergewöhnliche politische Beständigkeit.

Der Kommunalpolitiker in der CSU

Deimer war überzeugter CSU-Politiker. Gleichzeitig ließ er sich nie vollständig auf eine Parteilinie reduzieren.

Besonders deutlich wurde das beim Thema Atomkraft. Als Landshuter Oberbürgermeister stand er den Kernkraftwerken Isar I und Isar II kritisch gegenüber und entwickelte sich zu einem frühen und entschiedenen Atomkraftgegner. Auch die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf lehnte er ab. Damit vertrat er innerhalb der CSU Positionen, die keineswegs selbstverständlich waren. Aktuelle Nachrufe erinnern deshalb ausdrücklich an Deimer als „CSU-Rebellen“ und frühen Atomkraftgegner.

Bemerkenswert ist dabei weniger, dass Deimer in einzelnen Sachfragen anderer Meinung war als seine Partei. Entscheidend war sein politisches Selbstverständnis: Für ihn hatte die Verantwortung gegenüber seiner Stadt und ihren Bürgern Vorrang vor parteipolitischer Loyalität.

Genau diese Haltung machte ihn für politische Gegner manchmal ebenso interessant wie für Parteifreunde.

Ein Mann der Kommunen

Seine größte überregionale Bedeutung erlangte Deimer als Vertreter der Städte und Gemeinden.

Von 1975 bis 2004 war er Vorsitzender des Bayerischen Städtetags. Insgesamt wurde er neunmal wiedergewählt. Seit 2005 ist er Ehrenvorsitzender. Der Städtetag selbst bezeichnet seine fast drei Jahrzehnte währende Amtszeit als prägende „Ära Deimer“.

Deimer verstand kommunale Selbstverwaltung nicht als bloße Verwaltungsfrage. Für ihn bedeutete sie politische Verantwortung vor Ort. Städte und Gemeinden sollten nach seiner Überzeugung die Möglichkeit haben, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu gestalten – und dafür auch über ausreichende finanzielle und politische Handlungsspielräume verfügen.

Diese Haltung brachte ihm auch über Landshut hinaus Anerkennung.

Darüber hinaus war Deimer von 1982 bis 1999 Mitglied des Bayerischen Senats als Vertreter der Städte. Von 1984 bis 2004 gehörte er dem Präsidium des Deutschen Städtetags an. Von 1995 bis 2005 war er stellvertretender Präsident des Deutschen Städtetags. Auch international war er kommunalpolitisch tätig: Von 1989 bis 1993 gehörte er dem Exekutivausschuss des Weltverbandes der Kommunen an.

Damit war Deimer nicht nur Landshuter Oberbürgermeister, sondern über Jahrzehnte eine Stimme der deutschen Städte- und Kommunalpolitik.

Soziales Engagement und Bildung

Ein weiterer Teil seines politischen Vermächtnisses liegt außerhalb klassischer Stadtpolitik.

Deimer engagierte sich über Jahrzehnte für die Lebenshilfe Landshut. Nach Angaben des Bayerischen Landtags war er an deren Aufbau beteiligt und stand ihr über viele Jahre vor. Auch im Bereich der Erwachsenenbildung war er aktiv: Von 1979 bis 2014 war er Präsident des Bayerischen Volkshochschulverbands.

Damit verbanden sich bei Deimer drei Bereiche, die sein politisches Wirken immer wieder bestimmten: Kommunalpolitik, soziale Verantwortung und Bildung.

Der Bayerische Landtag würdigte ihn bereits zu seinem 80. Geburtstag ausdrücklich als Politiker, dem soziale Gerechtigkeit, lebenswerte Kommunen und die Sicherung von Arbeitsplätzen wichtig gewesen seien.

Der Josef-Deimer-Tunnel

Ein besonders sichtbares Zeichen seines Wirkens in Landshut ist der heutige Josef-Deimer-Tunnel.

Der Hofbergtunnel wurde 1999 eröffnet. Er war Teil einer langfristigen Verkehrspolitik, mit der die historische Innenstadt vom Durchgangsverkehr entlastet werden sollte. Seit 2007 trägt der Tunnel den Namen Josef-Deimer-Tunnel. Die Stadt Landshut führt ihn bis heute als Teil ihrer Verkehrsinfrastruktur.

Der Tunnel steht damit gewissermaßen stellvertretend für Deimers Politikstil: Große Infrastrukturprojekte waren häufig umstritten, er selbst blieb jedoch auch bei kontroversen Vorhaben beharrlich.

Dass sein Name heute an einem zentralen Verkehrsbauwerk der Stadt steht, ist deshalb mehr als eine Ehrung. Der Tunnel erinnert an einen Oberbürgermeister, der die langfristige Entwicklung Landshuts gestalten wollte – und der bereit war, dafür politische Auseinandersetzungen auszuhalten.

Ein Politiker mit Ecken und Kanten

Josef Deimer war kein Politiker, der allen gefallen wollte.

Er war direkt, selbstbewusst und manchmal unbequem. Gerade diese Eigenschaften gehörten aber zu seiner politischen Identität. Aktuelle Nachrufe heben seine Eigenständigkeit gegenüber der eigenen Partei ebenso hervor wie seine Fähigkeit, sich über Jahrzehnte hinweg die Unterstützung der Landshuter Bevölkerung zu sichern.

Der Bayerische Städtetag würdigte ihn nach seinem Tod insbesondere als überzeugten Vertreter der kommunalen Selbstverwaltung. Sein Nachfolger an der Spitze des Verbands, Markus Pannermayr, hob Deimers Fachkenntnis in Bereichen wie Daseinsvorsorge, Finanzen, Energie, Mobilität, Bildung und Schule hervor.

Das beschreibt ziemlich genau, worin Deimers Besonderheit lag: Er war kein Spezialist für nur ein politisches Thema. Er betrachtete Stadtpolitik als ein Gesamtbild, in dem Verkehr, Schulen, soziale Einrichtungen, Wirtschaft, Umwelt, Energieversorgung und Finanzen zusammengehören.

Was bleibt?

2004 endete nach 35 Jahren seine Zeit als Oberbürgermeister. Doch Deimers kommunalpolitisches Engagement endete damit nicht. 2005 wurde er Ehrenvorsitzender des Bayerischen Städtetags, 2006 ernannte ihn die Stadt Landshut zum Ehrenbürger.

Sein Vermächtnis lässt sich deshalb nicht auf eine einzelne Entscheidung oder ein einzelnes Bauwerk reduzieren.

Es liegt in einer politischen Haltung: Kommunalpolitik beginnt bei den Menschen.

Josef Deimer verkörperte diese Haltung über Jahrzehnte. Er kannte die Mechanismen der großen Politik, blieb aber dem Rathaus und seiner Heimatstadt verbunden. Er war Landespolitiker, Vorsitzender des Städtetags und Mitglied des Bayerischen Senats – und dennoch blieb Landshut sein politischer Mittelpunkt.

Am Ende bleibt das Bild eines Politikers, der seine Überzeugungen nicht immer bequem, aber mit großer Konsequenz vertreten hat. Einer, der seiner Partei widersprechen konnte, wenn er es für richtig hielt. Einer, der soziale Verantwortung, Bildung und kommunale Selbstverwaltung zu zentralen Themen seines politischen Lebens machte. Und einer, der über 35 Jahre lang das Gesicht seiner Heimatstadt war.

Landshut verliert mit Josef Deimer eine Persönlichkeit, die diese Stadt geprägt hat wie nur wenige Oberbürgermeister vor oder nach ihm.

Josef Deimer war nicht einfach 35 Jahre Oberbürgermeister von Landshut. Er war über drei Jahrzehnte Teil der Geschichte dieser Stadt – und zugleich einer der markantesten Vertreter der kommunalen Selbstverwaltung in Bayern.

Quellen und weiterführende Informationen

Bayerischer Landtag: Biografie Josef Deimer – Ausbildung, politische Anfänge und Landtagsmandat.
Bayerische Parlamentsgeschichte / Bavariathek: Biografische Daten und Übersicht seiner zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Funktionen.
Bayerischer Städtetag: Offizielle Vita von Josef Deimer und Übersicht seiner Funktionen.
Bayerischer Städtetag: Übersicht der Vorsitzenden und Deimers Status als Ehrenvorsitzender.
Bayerischer Landtag: Würdigung zu Deimers 80. Geburtstag und Informationen zu seinem sozialen und bildungspolitischen Engagement.
Stadt Landshut: Informationen zur Stadtgeschichte und zum Josef-Deimer-Tunnel.

Aktuelle Nachrufe und Einordnung

Bayerischer Rundfunk, 13. August 2026: Nachruf zum Tod Josef Deimers.
Süddeutsche Zeitung, 13. August 2026: „Einer wie keiner“ – Nachruf auf Josef Deimer.
Münchner Merkur, August 2026: Nachruf und persönliche Einordnung seiner politischen Bedeutung.
Die Zeit/dpa, August 2026: Nachruf und Überblick über Deimers kommunalpolitisches Wirken.

Beitragsbild: Von Kasa Fue – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=92374652

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