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Update: Trotz „Schnitzel-Steuergeschenk“: Viele Wirte knausern beim Lohn – Wirte widersprechen

Die rund 360 Gastro-Betriebe in den Landkreisen Altötting und Mühldorf profitieren – viele Beschäftigte gehen leer aus: Hotels, Restaurants und Gaststätten müssen seit Jahresbeginn deutlich weniger Mehrwertsteuer bezahlen – nämlich nur noch 7 statt 19 Prozent. „Von jedem 10-Euro-Schein, den der Gast im Restaurant lässt, bleiben dadurch rund 95 Cent zusätzlich für den Gastronomen übrig. Das Geld landet zwar in der Kasse – aber nicht im Portemonnaie der Beschäftigten“, sagt Manuel Halbmeier von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

Auch der Gast merke von dem Steuergeschenk, das die Bundesregierung den Gastronomen gemacht habe, so gut wie nichts: „Ein Rutscheffekt der Preise auf den Speisekarten ist wie erwartet ausgeblieben“, so Manuel Halbmeier. Der Geschäftsführer der NGG Rosenheim-Oberbayern wird deutlich: „Da hat die Bundesregierung die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die allermeisten Gastronomen im Kreis stecken das Geld, das durch das Schnitzel-Steuergeschenk für sie übrig bleibt, in die eigene Tasche“, sagt Halbmeier.

Und es sei eigentlich „alles noch viel schlimmer“: „Denn gleichzeitig bezahlen viele Gastronomen ihren Beschäftigten in der Küche und im Service nur den gesetzlichen Mindestlohn. Das ist schäbig. Und noch dreister wird es, wenn sich Gastwirte oder Restaurantbesitzer auch noch darüber beklagen, dass sie 1 Euro und 8 Cent beim Stundenlohn draufzahlen müssen, weil der gesetzliche Mindestlohn zum Jahresbeginn auf 13,90 Euro pro Stunde gestiegen ist. Das ist jedoch das absolute Minimum“, sagt Manuel Halbmeier.

Der Geschäftsführer der NGG Rosenheim-Oberbayern warnt vor „unschöner Gastronomen-Gier“: „Wer seine Beschäftigten in der Küche oder im Service mit dem Mindestlohn abspeist, bezahlt keinen anständigen Lohn. Entscheidend und wirklich fair ist nur der Tariflohn“, so Halbmeier. Der liege für eine gelernte und erfahrene Fachkraft in Bayerns Gastronomie bei immerhin 19,62 Euro pro Stunde.

Doch ein Großteil der gastronomischen Betriebe betreibe „systematisch Tarifflucht“: „Viele Gastwirte und Hoteliers in den Kreise Altötting und Mühldorf schlagen einen weiten Bogen um den Tariflohn. Und damit auch um Zuschläge an Sonn- und Feiertagen und um Urlaubsregelungen“, so Manuel Halbmeier. Die Gastronomie gehöre zu den „Rekord-Branchen der Tarifflucht“. Hierfür sei gerade der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA Bayern) verantwortlich, so die Gewerkschaft.

„Viele der Gastro-Beschäftigten kommen so beim Lohn zu kurz“, kritisiert Halbmeier. Insgesamt arbeiten in beiden Landkreisen nach Angaben der NGG Rosenheim-Oberbayern rund 3.300 Beschäftigte in der Gastro-Branche – von der Küche über den Service bis zur Hotelrezeption. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Zahlen der Arbeitsagentur.

Wer in den Landkreis Altötting und Mühldorf in der Gastronomie arbeitet, kann seinen Lohnzettel bei der NGG Rosenheim-Oberbayern prüfen lassen und dabei auch mehr über den aktuellen Tariflohn erfahren: (08031) 14 030 | region.rosenheim‑oberbayern@ngg.net.

DEHOGA Bayern widerspricht NGG: 7 Prozent kommen bei den Mitarbeitenden an

München: Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA Bayern weist die Kritik der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), dass viele Wirte beim Lohn „knausern“ würden, entschieden zurück. „Von einem Tarifpartner erwarten wir Unterstützung bei unserem Kampf für mehr Netto vom Brutto statt ständiger Nestbeschmutzung. Im europäischen Vergleich haben wir in Deutschland mit die höchsten Bruttolöhne bei gleichzeitig den niedrigsten Nettolöhnen. Seit 2022 sind Arbeitskosten um 34 Prozent, Energiekosten um 27 Prozent und Lebensmittelpreise um 26 Prozent gestiegen. Die 7 Prozent sind kein Geschenk – sie sind für viele Betriebe der letzte Rettungsring“, so Dr. Thomas Geppert, Landesgeschäftsführer des DEHOGA Bayern.

Die NGG behauptet, Gastronomen würden Steuervorteile nicht an Mitarbeiter weitergeben. Die Realität sieht jedoch anders aus: Nach der Erhöhung von 7 auf 19 Prozent Anfang 2024 stiegen die Preise in der Gastronomie nur um 6,6 Prozent. „Viele Wirte haben die Mehrbelastung aus eigener Tasche bezahlt – trotz Kostenlawine“, betont Geppert. Noch dazu erhöhen sich in der aktuellen Tarifrunde die Löhne in drei Schritten um fast 15 Prozent. „In einer Branche, in der Personalkosten oft über 40 Prozent des Umsatzes liegen, ist das ein Kraftakt – und zeigt, dass wir investieren, wenn es Spielraum gibt“, so Geppert.

Laut aktueller DEHOGA-Umfrage liegen Lohnsteigerungen auf Platz eins der Nennungen auf die Frage, mit welchen Maßnahmen Wirte auf die Senkung der Mehrwertsteuer bei Speisen auf 7 Prozent reagieren wollen. Demnach wollen 62,9 Prozent die Bezahlung der Mitarbeiter verbessern, weitere 8,4 Prozent planen dies. Darüber wollen 29,2 Prozent weitere Mitarbeiter einstellen bzw. haben dies in Planung. „Wir wollen Gäste zurückgewinnen, Arbeitsplätze sichern und das Wirtshaussterben stoppen“, betont der Landesgeschäftsführer. Dabei seien kleine Betriebe von den Belastungen besonders betroffen, erklärt Geppert. 80 Prozent der bayerischen Gastrobetriebe haben weniger als zehn Beschäftigte. „Das sind Familienunternehmen. Wer sie schwächt, gefährdet regionale Arbeitsplätze und unsere Wirtshauskultur“, warnt Geppert: „Nur wenn die Betriebe überleben, gibt es auch in Zukunft faire Löhne, Vielfalt und Gastfreundschaft in Bayern.“

Auch die aktuellen Zahlen des Bayerischen Landesamts für Statistik zeigen, wie sehr Bayerns Gastgewerbe unter Druck steht: Zwar wuchs der nominale Umsatz 2025 gegenüber dem Vorjahr um 2,0 Prozent, real ging er jedoch um 1,4 Prozent zurück. Gleichzeitig sank die Zahl der Beschäftigten um 2,5 Prozent. „Hier erwarten wir uns Unterstützung von der Gewerkschaft und keine Diffamierungen“, so Geppert.

„Ganz davon abgesehen scheint es der NGG entgangen zu sein, dass die Mehrwertsteuer nur auf Speisen und nicht auf Getränke reduziert worden ist, so dass ihr Rechenbeispiel entweder unbewusst falsch oder bewusst irreführend ist“, fährt Geppert fort, „auch scheint es, als hätte die NGG nie in die Begründung des Gesetzes geschaut. Denn dort heißt es „Mit der Steuersenkung will die Bundesregierung gezielt die Gastronomiebranche stärken“, denn nur wirtschaftlich gesunde Unternehmen können Arbeitsplätze sichern bzw. ausbauen.“

Beitragsbild: Jeder Schnitzelteller wirft mehr für den Wirt ab: Die Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 7 Prozent macht’s möglich. „Trotzdem knausern viele Wirte beim Lohn: Sie bezahlen den Gastro-Beschäftigten nur den gesetzlichen Mindestlohn. Um den fairen Tariflohn machen sie aber einen weiten Bogen“, sagt Manuel Halbmeier von der Gastro-Gewerkschaft NGG Rosenheim-Oberbayern. Foto: NGG | Alireza Khalili

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