Erhartinger Sommerkeller seit über 150 Jahren

In Erharting gab es schon über viele Jahrhunderte hinweg Gastwirtschaften. Die Namen der Wirte erscheinen oftmals in alten Urkunden, denn Rechtsgeschäfte wurden wegen damals noch fehlender Gemeindeämter bevorzugt auf Burgen und Schlössern sowie in Wirtshäusern besiegelt. Schon weit vor dem 30 jährigen Krieg gab es im Dorf die Oberwirts- und Unterwirtstaverne. Aus einem Gesuch der beiden Erhartinger Wirte Hans Khulbinger und Hans Perkhofer an die zuständige Stelle im Bistum Salzburg um die Genehmigung „größere Hochzeiten“ abhalten zu dürfen erschließt sich uns das Bestehen der beiden Wirtschaften. Interessant ist hierbei, dass beide Gasthäuser sich unmittelbar gegenüberlagen, nämlich der Oberwirt an der Stelle des Parkplatzes gegenüber der Brauerei und der Unterwirt am Standort der heutigen Brauerei. Während die Dynastie des Oberwirts im 19. Jahrhundert erlosch, wurde der Unterwirt als Staudingertaverne und später als Fischerwirt weitergeführt.

Im Jahr 1764 kaufte Andreas Liebhart die Unterwirtstavern und betrieb fortan mit seiner Familie diese Lokalität. Als dann im Jahr 1844 der Wirt von Erharting im Alter von nur 44 Jahren plötzlich verstarb, war die Witwe Anna Liebhart mit vier unmündigen Kindern ganz auf sich alleine gestellt. Mit unendlicher Tatkraft und geschäftlichem Spürsinn führte sie den Betrieb weiter und konnte diesen sogar noch erweitern. Das Bier für die Erhartinger Gastwirtschaft bezog sie vom Mühldorfer Schwaiger Bräu der sein Brauhaus am Mühldorfer Stadtplatz hatte.
Als diese Braustätte nach dem Tod des Eigentümers am 31. März 1869 zur Versteigerung kam, erhielt die Erhartinger Wirtin den Zuschlag für das Brauhaus mit Malzdarre und weiteren Gebäulichkeiten am Mühldorfer Stadtplatz (heute Nr. 23 -25) sowie dem Lagerbierkeller und Gasthaus am Stadtberg (Schwaigerkeller).
In weiser Voraussicht hatte die umsichtige Geschäftsfrau im Erhartinger Ortsteil Vorberg einen Lagerkeller mit Sommerschänke errichten lassen um gerüstet zu sein für die Produktion eines eigenen Bieres. Bis zum Bau der Brauerei in Erharting bezog sie weiterhin das Bier vom ehemaligen Schwaigerbräu. Ob dabei die alte Rezeptur des Schwaigerbieres oder schon eine eigene Kreation des Erhartinger Bieres verwendet wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Bei dieser Kaufaktion ging es vor allem um das erforderliche Braurecht das nunmehr von Mühldorf nach Erharting transferiert wurde.
Den Bau der Brauerei in Erharting sollte die Erhartinger Wirtin nicht mehr erleben, sie verstarb am 10. Juni 1871 im Alter von knapp 70 Jahren. In der Todesanzeige im Mühldorfer Anzeiger wird sie als Wirtin von Erharting und Brauereibesitzerin von Mühldorf bezeichnet. Als dann ihr Sohn Ignatz im Jahr 1872 die Brauerei Liebhart errichtet hatte war das Problem der Lagerung des Bieres durch den vorhergegangen Bau des Sommerkellers schon bestens geregelt. Der Sommerkeller war aber nicht nur Lagerort für das Bier sondern binnen kurzer Zeit ein sehr gefragtes Ausflugsziel für die umliegende Bevölkerung.
Nicht nur die Einheimischen erfreuten sich an der Lage des Sommerkellers der dem Besucher große Teile des Alpenpanoramas darbot und mit süffigem Bier und schmackhaften Brotzeiten lockte. Zahlreiche Berichte im Mühldorfer Anzeiger geben einen interessanten Einblick über die vielfältigen Attraktionen auf dem Höhenrücken über Erharting.  So informiert die Presse am 7. August 1889 über einen Ausflug der Alpenvereins Sektion Neuötting zum Erhartinger Sommerkeller:
Obwohl die Witterung den geplanten Ausflug zu verhindern drohte, machte sich nach Mittag eine große Zahl Mitglieder und Freunde auf den Weg, dem Keller in Erharting einen Besuch abzustatten. Auch Altöttinger Gäste hatten sich zu Fuß und zu Wagen eingefunden. Gesangsquartette , vorzüglicher Stoff und Hendl´n trugen dazu bei, die Stimmung so animiert als möglich zu machen. Ein paar Galantonen (galante, zuvorkommende Herren) arrangierten für den Damenflor (regelmäßige weibliche Gäste) ein Preiskegelscheiben. Die Herren hatten auch ein paar Luftballons mitgebracht und ließen sie am Fuße des Berges steigen, die, ziemlich gerade aufsteigend, in der Nähe der Station Rohrbach niederfielen. Ein von denselben Herren abgebranntes Feuerwerk leuchtete bereits einer Anzahl von Gästen wieder heimwärts.

Hügelgräberkomitee aus München zu Gast                                                 

Im Juni 1890 reisten „hochkarätige Herren“ aus München an. Die Herren Major Kraus, Dr. Rickauer und Dr. Edelmann mit ihrem Mitarbeiterstab waren mit dem Zug von München nach Rohrbach gereist um von dort zu den Hügelgräbern auf dem Hampersberg zu gelangen. Teile der Gemeindeverwaltung mit dem Bürgermeister waren bei den anschließenden Grabungen und Forschungen ebenfalls anwesend. Da die Erforschung der Keltengräber mit Pickel und Schaufel recht schweißtreibend waren und auch keine größeren neuen Erkenntnisse zu Tage kamen, entschlossen sich die Wissenschaftler den Sommerkeller aufzusuchen. Dazu auszugsweise die Info des Mühldorfer Anzeigers vom 13. Juni1890: Da unter anderem die heiße Witterung schon ziemlich deprimierend auf die Waldgäste gewirkt hatte, versuchte es die zahlreiche Gesellschaft mit ihren Forschungen auf dem Erhartinger Sommerkeller und hatte gefunden, daß bei vorzüglichem, frischem Trunke, delikatem Essen und witziger Unterhaltung man sich auch längere Zeit dort aufhalten könne, was auch die Münchner Herren unverhohlen zum Ausdrucke brachten.

Bau des jetzigen Sommerkellergebäudes im Jahr 1891

Um den großen Besucheransturm bewältigen zu können, errichteten die Brauerseheleute Ignatz und Katharina Liebhart das jetzige Kellergebäude. Schon Ende August 1891 finden sich wiederum Berichte über Großveranstaltungen von höchster Attraktivität im weitum bekannten Sommerkeller. Studententreffen mit ihren Professoren, organisiert vom Erhartinger Lehrer Andreas Harpaintner und weiteren honorigen Herren, sowie Priminzen, aber auch sportliche Aktionen wie ein Distanzradrennen mit Zielpunkt Sommerkeller im Jahr 1905 zeichneten diese Lokalität aus.

Neue Generation mit grandiosem Neuanfang

Als der erste Bräu von Erharting am 18. Januar 1921 im Alter von 82 Jahren verstarb stellte die Witwe für einige Zeit den Braubetrieb ein. Der Grund hierfür war die fehlende Konzession zur Weiterführung des Brauereibetriebes.
Da die Ehe kinderlos geblieben war vererbte sie das Unternehmen an Jakob Röhrl aus Eilsbrunn bei Sinzing.
Ab Herbst 1924 stieg der neue Bräu mit seiner Ehefrau Anna so richtig in das Geschäftsleben ein. Hatte schon sein Vorgänger die Brauerei und den Sommerkeller immer wieder modernisiert so tat es ihm sein Nachfolger in noch größerem Umfange gleich. Verfolgt man die damaligen Zeitungsberichte, so bekommt man das Gefühl der legendären „Goldgräberstimmung“. Mit großen Inseraten weckt der neue Bräu das Interesse der Bevölkerung. Mit Omnibussonderfahrten wurden die Besucher zum begehrten Sommerkeller gebracht und die ersten Automobilisten und „Schnauferlfahrer (Motorradfahrer) steuerten ebenfalls den Biertempel in Erharting an. Faschingsbälle, Hochzeiten, Thateraufführungen und Historienspiele fanden in den folgenden Jahrzehnten im Sommerkeller statt. Nach dem 2. Weltkrieg kamen Veranstaltungen der Töginger Werksleitung, Gewerkschaftsversammlungen und Treffen der Heimatvertriebenen statt.
Im Mai 1952 kamen über 1000 Besucher nach Erharting, das Dorf konnte die Leute kaum fassen und so verteilte man sich neben dem Sommerkeller noch im Gasthaus Obermaier und in der Brauereiwirtschaft. Hier weiter aufzuzählen würde den Rahmen erheblich sprengen. So hat der Erhartinger Sommerkeller auch nach über 150 Jahren nichts von seiner Anzugskraft verloren und bestätigt die schriftliche Aussage eines Redakteurs des Mühldorfer Anzeigers in den 1920er Jahren, dass der Erhartinger Keller einer der schönsten Flecken Erde im weiten Umkreis sei. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen außer dem Wunsch, dass die althergebrachte Kellertradition in Erharting noch lange erhalten bleiben möge.

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