Annemarie Haslberger: Wer sich nicht engagiert, hat kein Recht zu schimpfen!

30 Jahre lang hat Annemarie Haslberger im und für den Landkreis Mühldorf am Inn öffentliche Ämter bekleidet, Gemeinderätin, Kreisrätin, Bezirksrätin, Bürgermeisterin. 2020 zog sie sich aus eigenem Entschluss aus der Kommunalpolitik zurück, für den Bezirkstag hatte sie im Jahr 2013 nicht mehr kandidiert.

1990 wurde Annemarie Haslberger in den Gemeinderat Reichertsheim und den Kreistag Mühldorf am Inn gewählt. 30 Jahre lang gehört sie beiden Gremien an, von 2008 bis 2020 war sie Bürgermeisterin der Gemeinde Reichertsheim, die erste Bürgermeisterin im Landkreis Mühldorf.
Ob sie eine Vorkämpferin für die Gleichberechtigung sei, haben wir sie gefragt, eine Befürworterin der Frauenquote? Nein sagt sie, das sei sich nicht und mit der Quote habe sie so ihre Probleme. Gleichberechtigung sei für sie selbstverständlich, schon in ihrer Jugend zu Hause in Gammelsdorf im Landkreis Freising war sie Vorsitzende der Landjugend und hier gab es immer schon eine weiblichen und einen männlichen Vorsitzenden. Ein bisschen komisch war das aber schon, erzählt sie, als sie das erste Mal für die Kreisvorstandschaft der CSU kandidierte und im Spirklsaal in Mühldorf fast nur Männer saßen. Und auch im Gemeinderat von Reichertsheim war sie lange Zeit die einzige Frau, sogar noch während ihrer ersten Amtsperiode als Bürgermeisterin. Aber das Klima im Gemeinderat war immer gut, zusammen habe man viel erreichen können.

Fahnenweihe der Marianischen Männerkongregation am 16.08.2009. Von links: Stefan Reindl (Höhenberg), Bürgermeisterin Haslberger, Alois Aigner (Anzenberg), Michael Riegl (Riedbach) und Wilhelm Roland (Thambach). Foto: Augustin Grundner

Eine große Herausforderung war eine gute Infrastruktur zu schaffen. Die beiden Hauptorte, Ramsau und Reichertsheim sind 6 km voneinander entfernt und die öffentlichen Einrichtungen somit verteilt: das Rathaus ist in Reichertsheim, die Schule in Ramsau und der Kindergarten wiederum in Reichertsheim. Die Logistik, wie der Einsatz von Schulbussen, ist nicht immer leicht. Viele Vereine gibt es doppelt, Sportplätze müssen erhalten werden und vieles mehr. Während Annemarie Haslbergers Zeit wurde das Schulhaus in Ramsau, das aus den 70er stammt, saniert, die Kläranlage in Reichertsheim musste gebaut werden, Kinderkrippe und Kindergarten wurde auf dem Brauereigelände errichtet.

‚Ihr Kind‘ ist auch der Dorfladen, der im April 2003 eröffnet wurde. Annemarie Haslberger war damals Vorsitzende des Mühldorfer Netzes. Unterstützt vom Amt für ländliche Entwicklung konnte in Ramsau der Dorfladen gegründet werden, der heute die Nahversorgung sichert, Verkaufsströme, die verloren waren, konnten wieder eingefangen werden.

Ein großes Thema war die Dorferneuerung in Reichertsheim, Flure und Zufahrten zu den Höfen wurden neu geordnet. „Dass wir hier alle unter einen Hut gebracht haben, wundert mich heute noch“, sagt Annemarie Haslberger. Hilfreich war dabei auch, dass sie immer einen Fuß in der Tür des Amtes für ländliche Entwicklung hatte, die auch bei der Flurerneuerung immer beratend zur Seite standen.

Mittlerweile ist auch die Planung für das neue Rathaus fertig. Es bietet genügend Platz, sodass jeder Mitarbeiter sein eigenes Büro hat. Das kann in Krisenzeiten sehr wichtig sein, wie man jetzt gesehen hat. Dazu gab es bereits unter Annemarie Haslbergers Amtszeit einiges vorzubereiten. Der Bauhof musste ausziehen und zusammengefasst werden. Eine gute Lösung hat sich dafür an der Kläranlage in Ramsau gefunden, hier ist auch der Wertstoffhof angesiedelt worden. Wo zuvor der Kindergarten war, entsteht jetzt ein Sitzungssaal, das Obergeschoß können die Vereine nutzen.

Persönlich schöne Moment waren für Annemarie Haslberger die Trauungen, die sie durchführen durfte.

Annemarie Haslberger im Gespräch, anlässlich des Goldenen Priesterjubiläum von Lorenz Zettl am 13.07.2008. Foto: Augustin Grundner

Aber nicht alles ist gelungen. „Es wurmt mich heute noch, wenn ich daran denke“, sagt Annemarie Haslberger und sie meint das gescheitere Projekt des Dorfsaals in Reichertsheim. Die Vereine, allen voran der Trachtenverein, wollten zusammen mit der Gemeinde das oberste Stockwerk des Kindergartens zum Dorfsaal ausbauen. Der Trachtenverein hätte für das Projekt 200.000 Euro mitgebracht, man war schon ziemlich weit, das Amt für ländliche Entwicklung hatte das Vorhaben unterstützt. Die Planung in einem Wert von 50 000 Euro war fertig und genehmigt.
Auf einer Bürgerversammlung kam es dann zu Protesten, mit den niemand gerechnet hatte. Zu laut, Einschränkungen für die Anwohner und vor allem überflüssig sei der Dorfsaal. „Mit dem Ergebnis“, fasst Annemarie Haslberger zusammen, „dass die Räume heute noch ungenutzt sind und heute noch leer stehen.“

1994 wählten die Mühldorfer Landkreisbürger Annemarie Haslberger zu ihrer Bezirksrätin. Vier Wahlperioden bis 2013 vertrat sie den Landkreis Mühldorf im Bezirkstag Oberbayern. Hier arbeitete sie an einem Mammutprojekt mit, dem Zusammenschluss der Bezirkskliniken. Seit Anfang 2007 arbeiten nun die Kliniken des Bezirks Oberbayern unter dem Dach eines Kommunalunternehmens zusammen. Ein Verbund von Kliniken und ambulanten Einrichtungen für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Neurologie und Sozialpädiatrie ist so entstanden. „Der Zusammenschluss war wegweisend und ist mit nichts vergleichbar, alle Kliniken laufen seitdem viel besser“, sagt Annemarie Haslberger.

Bei ihrer Verabschiedung betonte Bezirkstagspräsident Josef Mederer in seiner Rede, dass der Bezirk Oberbayern Annemarie Haslberger bereits seit frühester Jugend begleitet: Haslberger hatte als junge Frau in den damaligen Landwirtschaftlichen Lehranstalten in Landsberg eine Ausbildung absolviert. Als Bezirksrätin hatte sie nun mit dem heutigen Agrarbildungszentrum Landsberg als Bezirksreinrichtung erneut zu tun. Haslberger brachte ihre Kompetenz und Kraft bei ihrer Arbeit in verschiedenen Ausschüssen mit ein. Sie war im Bezirksausschuss an wichtigen Entscheidungen des Bezirks maßgeblich beteiligt, arbeitete im Sozial- und Gesundheitsausschuss mit, war Mitglied im Kulturausschuss, dem Personalausschuss, dem Kloster Seeon-Ausschuss sowie der Medaillenkommission. Außerdem war sie Referentin für das Bezirksklinikum Gabersee einschließlich Tagklinik Rosenheim, Vertreterin des Bezirks in der Verbandsversammlung des Verbands der bayerischen Bezirke und der Delegiertenversammlung des Zentrums für Kinder und Jugendliche Inn-Salzach e.V. (Quelle Bezirk Oberbayern).

„Für mich war die Arbeit im Gesundheits- und Sozialausschuss sehr bereichernd“, erzählt uns Annemarie Haslberger, „ich konnte in ganz Oberbayern unterwegs sein und sehen, wieviel großartige Arbeit in den Kliniken geleistet wurde. Sehr wichtig waren aber auch die vielen persönlichen Dinge, Türöffnerin zu sein und bei sozialer Not helfen zu können.“

2013 wurde Claudia Hausberger als Nachfolgerin von Annemarie Haslberger in den Bezirkstag Oberbayern gewählt. Claudia Hausberger schreibt über ihre Vorgängerin:

Annemarie Haslberger hat den Landkreis Mühldorf von 1994 bis 2013 als Direktkandidatin des Landkreises vertreten. Dies hat sie immer mit Weitblick und Augenmaß gemacht. Sie hat auch immer versucht, die Aufgaben des Bezirks Oberbayerns, nämlich in erster Linie die sogenannte Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung, aber auch den Bereich der psychiatrischen und neurologischen Versorgung in Oberbayern und den Bereich der Kultur und Heimatpflege transparent darzustellen.
Eines der in meinen Augen wichtigsten Projekte, die für den Landkreis in der Amtszeit von Annemarie Haslberger umgesetzt wurde, ist, dass in Waldkraiburg eine Außenstelle für Kinder und Jugendpsychiatrie der Heckscher Klinik eröffnet werden konnte. Diese Institutsambulanz ist für unseren Landkreis eine sehr wichtige Einrichtung, da hier eine wohnortnahe Versorgung für Kinder und Jugendliche erfolgen kann.
Eine wichtige und weitreichende Entscheidung wurde auch in der Amtszeit von Annemarie Haslberger im Bezirk getroffen, nämlich, dass die Kliniken des Bezirks (KBO) 2007 in ein Kommunalunternehmen ausgegliedert wurden und Annemarie Haslberger war hier in der Arbeitsgruppe zur Vorbereitung maßgeblich mitbeteiligt. Dies ist für uns als nachfolgende Bezirksrätinnen und -räte eine wirklich sehr vernünftige Entscheidung gewesen.
Ich bin Annemarie für ihre ehrenamtliche Arbeit im Bezirk sehr dankbar, da in der Zeit viele Weichen für unsere jetzige Arbeit gestellt wurden. Und wenn man jetzt mit Bezirksrätinnen und -räten aus der Zeit von Annemarie redet, sieht man auch, welch gutes Standing sie hier im Bezirkstag von Oberbayern hatte und dass ihre Arbeit und ihr Engagement hier bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Annemarie Haslberger mit ihrer Nachfolgerin im Bezirkstag Oberbayern Claudia Hausberger (links) und Bezirkstagspräsident Josef Mederer.

2020 war aber nicht nur das Jahr Ihres Rückzugs von den öffentlichen Ämtern, 2020 feierte Annemarie Haslberger mit Ihrem Mann Gerhard auch den 50. Hochzeitstag, zusammen mit den fünf Kinder und (bis jetzt) 14 Enkelkindern von 1 bis 19 Jahren. Freundschaft pflegen und wiederbeleben, sein nach Corona sehr wichtig, vieles war ja nur per WhatsApp möglich, sagt sie.

Abschließend fragten wir Annemarie Haslberger, was sie jungen Frauen raten würde, wie es zu schaffen ist, eine große Familie, einen Betrieb zu Hause und die politische Arbeit, dazu noch die Ehrenämter in der Partei und in anderen Organisationen unter einen Hut zu bringen. Und warum sie sich für die Gesellschaft engagieren sollten.

„Wer sich nicht engagiert, hat kein Recht zu schimpfen. Viele Länder hungern nach Demokratie, und wir gehen fahrlässig damit um. Wir brauchen engagierte Frauen und Männer“, sagt Annemarie Haslberger, „die anpacken und unsere Gesellschaft gestalten, auch in der Kirche.“ Und sie fügt hinzu: „Jetzt erst recht!“ 

Fotos wurden uns von Annemarie Haslberger und Claudia Hausberger zur Verfügung gestellt.

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