Alexander Sommer: Mühldorf als „Chancenlandkreis“
Für die Unabhängige Wählergemeinschaft geht es um viel: Sie stellen derzeit die zweitstärkste Fraktion im Kreistag Mühldorf. Diesen Status wollen sie mindestens verteidigen. Als Landratskandidaten schicken sie Alexander Sommer ins Rennen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Landkreis umfassend zu modernisieren – mit On-Demand-ÖPNV und Bauen im 3-D-Druck-Verfahren.
Alexander Sommer ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Er ist in Mühldorf aufgewachsen und hat nach dem Abitur Betriebswirtschaft und Maschinenbau studiert. Danach hat er unter anderem Firmen, die in Schieflage geraten waren, saniert. Auch beim Landkreis Mühldorf sieht er vor allem Chancen, die genutzt werden können und müssen.
inn-sider: Was ist das größte Versäumnis der aktuellen Führung?
Alexander Sommer: Der Landkreis Mühldorf ist in seiner Lage und Struktur tatsächlich ein Chancenlandkreis – der aber nicht losgelöst von der Welt existiert. Und die Welt verändert sich derzeit rasant und tiefgreifend: wirtschaftlich, geopolitisch und klimatisch. Umso wichtiger wird es, deutlich konsequenter auf eigene wirtschaftliche Stärke, Resilienz und strategische Vorbereitung zu setzen.
Das bedeutet konkret: unsere heimische Wirtschaft stärken, Wertschöpfung im Landkreis fördern, die Landwirtschaft als verlässlichen regionalen Versorger sichern und uns baulich sowie infrastrukturell auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten. Gleichzeitig müssen wir unsere Finanzen so aufstellen, dass wir künftig weniger abhängig von Förderprogrammen „von oben“ sind. Mehr eigene Stärke bedeutet mehr Gestaltungsfreiheit, genau das brauchen wir in bewegten Zeiten.
inn-sider: Die finanzielle Schieflage der Kliniken (Mühldorf/Haag) ist kritisch. Wie stehen Sie zu einer weiteren Spezialisierung der Standorte, wenn dies im Gegenzug den Erhalt der Grundversorgung sichert?
Alexander Sommer: Gesundheitsversorgung ist eine zentrale Aufgabe des Landkreises und ein berechtigtes Grundbedürfnis der Bevölkerung. Gleichzeitig können wir nur im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten handeln – auch unter den neuen Bedingungen der bundesweiten Krankenhausreform, die größere und stärker spezialisierte Einheiten begünstigt.
Die Fusion der Kliniken war ein wichtiger, erster Schritt. Die Defizite sinken, aber selbst ein einstelliges Millionendefizit kann sich unser Landkreis auf Dauer nicht leisten, ohne die Kreisumlage weiter zu erhöhen und damit die Städte und Gemeinden, letztendlich die Bürger zusätzlich zu belasten.
Solange es nicht gelingt, Wirtschaftsförderung in tatsächlich steigende Steuereinnahmen umzusetzen, muss es Ziel der Träger der Klinken, des Aufsichtsrats und der Klinikleitung sein, die strukturellen Defizite mit geeigneten Maßnahmen in Richtung einer roten Null zu senken – dazu mag die Spezialisierung von Standorten ebenso zählen wie der Ausbau spezieller, verstärkt nachgefragter Leistungen.
Wichtig ist mir dabei Transparenz: Die Bevölkerung muss nachvollziehen können, warum welche Entscheidungen getroffen werden. Gesundheit braucht Qualität – und wirtschaftliche Tragfähigkeit.
inn-sider: Wie wird der MVV-Anschluss den öffentlichen Nahverkehr verändern?
Alexander Sommer: Der MVV-Anschluss bringt ein klares und einheitliches Tarifsystem. Das bedeutet einfachere Buchung, transparente Anschlussverbindungen und in einzelnen Bereichen sogar günstigere Tarife. Das ist ein echter Fortschritt.
Der im Wahlkampf oft geforderte Ausbau des ÖPNV in unserem Flächenlandkreis unterliegt aber weiterhin den gegebenen, finanziellen Restriktionen und erfordert in seiner Limitierung für eine spürbare Verbesserung neue und innovative Konzepte wie z.B. ein modernes Ruf-Bus Konzept, das beispielsweise die Stadt Mühldorf am Inn zuletzt erfolgreich erprobt hat. So lassen sich auch entlegenere Gebiete gut anschließen, ohne dass große, aber oftmals leer fahrende Linienbusse die Umwelt und die Kassen belasten.
inn-sider: Welche Schritte muss der Landkreis unternehmen, um gerade im östlichen Landkreis die Anbindung an den ÖPNV zu verbessern?
Alexander Sommer: Auch im östlichen Landkreis gilt nach meiner Einschätzung, dass klassische Taktverdichtungen oder zusätzliche Linien finanziell kaum dauerhaft darstellbar sein werden.
Deshalb sehe ich wie oben bereits dargestellt die Lösung in flexiblen, bedarfsgesteuerten Angeboten – also Rufbusse oder On-Demand-Systeme, kombiniert mit sauber abgestimmten Anschlussknoten an Bahn und Hauptlinien.
Mir ist wichtig, Mobilität intelligent zu organisieren, nicht ideologisch zu diskutieren. Jeder knappe Euro muss so eingesetzt werden, dass er spürbar Wirkung entfaltet.
inn-sider: Der Landkreis profitiert von der A94, leidet aber unter Flächenverbrauch. Wie wollen Sie Gewerbeansiedlungen steuern, um Wertschöpfung zu generieren, ohne die Landschaft völlig zu versiegeln?
Alexander Sommer: Der Landkreis liegt im erweiterten Einzugsbereich Münchens. Zuzug und Wachstum wird stattfinden, wir sollten dies klug gestalten und nicht „erleiden“.
Zusammen mit den Städten und Gemeinden sollten Gewerbeflächen prioritär an vorhandene Infrastruktur angebunden werden – also an Bahn, Autobahn und leistungsfähige Kreisstraßen. Gleichzeitig gilt es, die Landwirtschaft in der Fläche zu erhalten und Wohnraum für das absehbare Bevölkerungswachstum zu schaffen.
Flächenplanung kann nur langfristig gedacht werden: zuverlässige und günstige Energieversorgung (im Sinne von leistungsfähigen Netzen und wirkungsvoll unterstützt auch durch regionale, erneuerbare Erzeugung und Speicher), Verkehrserschließung und Infrastruktur gehören von Anfang an zusammen.
Wirtschaftliche Entwicklung und Landschaftsschutz sind kein Widerspruch, wenn man klug plant und Prioritäten setzt.
inn-sider: Große Investitionen in die Berufsschulen und das Sonderpädagogische Förderzentrum stehen an. Wie priorisieren Sie diese Bauvorhaben angesichts steigender Baupreise und knapper Kassen?
Alexander Sommer: Man kann dauerhaft nicht mehr Geld ausgeben, als man einnimmt. Es ist daher die unbequeme Aufgabe der Politik, Ausgaben zu priorisieren.
Die Bildung unserer Kinder ist meiner Überzeugung nach eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen überhaupt. Ausgaben hierfür haben daher für mich grundsätzlich eine der höchsten Prioritäten. Bildung sichert nicht nur Fachkräfte, sie stärkt die gesellschaftliche Teilhabe und ist ein grundlegendes Fundament unserer Demokratie. Auch in finanziell anspruchsvollen Zeiten darf hier nicht am falschen Ende gespart werden.
inn-sider: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum wird zum Standortrisiko für unsere Unternehmen. Welche Rolle soll die kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft künftig spielen?
Alexander Sommer: Der Staat kann (und soll) den privaten Wohnungsbau nicht ersetzen, schon gar nicht in einer wachsenden Region wie unserer. Städte und Gemeinden können aber wirkungsvoll unterstützen, beispielsweise ausreichend Bauland bereitzustellen und Genehmigungsprozesse effizient gestalten. Zusätzlich könnte die Kreiswohnbau bei entsprechender Finanzausstattung tatsächlich in begrenztem, aber durchaus spürbarem Umfang vergünstigen Wohnraum realisieren und anbieten. Insbesondere neue und innovative Bauformen wie serielles Bauen und Bauen im 3-D-Druck-Verfahren könnten hier spürbare Impulse setzen.
inn-sider: Die Kapazitäten bei der Unterbringung von Geflüchteten sind vielerorts erschöpft. Welches Konzept verfolgen Sie, um die Kommunen bei der Integration und dezentralen Unterbringung besser zu unterstützen?
Alexander Sommer: Integration und Unterbringung bleiben überaus herausfordernde Aufgaben, die Dank der veränderten Migrationspolitik von Bund und Ländern derzeit aber deutlich an Brisanz verloren haben. Insofern sehe ich im Augenblick eher die Geduld vieler Menschen und Institutionen erschöpft als die tatsächlichen Kapazitäten.
Mit Blick auf die Vergangenheit muss man aber ehrlich eingestehen, dass man als Landrat hier verhältnismäßig wenig Gestaltungsmacht hat. Für eine gerechte, gleichmäßige Lastenverteilung ist man stark auf die freiwillige Kooperation der Städte und Gemeinden, auf die Kooperation der Bürgermeister angewiesen, ansonsten auf die durchaus vorhandenen Angebote des Marktes, hier allerdings häufig zu horrenden Preisen. Zu welchen Verwerfungen dies führen kann, hat man zuletzt in einem unserer südlich benachbarten Landkreise gesehen.
Die letzten Jahre haben allen Entscheidern gezeigt, dass es faktische Obergrenzen einer gesunden, steuerbaren, praktikablen und auch für die Bevölkerung akzeptablen Migration gibt. Die Sicherung der langfristigen Akzeptanz liegt aber in unserem ureigensten Interesse, da wir grundsätzlich in einem Land mit schrumpfender Bevölkerung leben. Zur Sicherung unseres Wohlstandes, unserer Sozialsysteme und unserer wirtschaftlichen Zukunft bleiben wir auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen. Dies gilt es im positiven Sinne zu gestalten.
inn-sider: Die Region Inn-Salzach (MÜ/AÖ) tritt oft getrennt auf. Wie wollen Sie die Zusammenarbeit mit dem Nachbarlandkreis Altötting stärken, um in München und Berlin mehr Gehör zu finden?
Alexander Sommer: Wenn wir in München oder Berlin mehr Gehör finden wollen, müssen wir als Region geschlossen auftreten. Zusammenarbeit darf kein parteipolitisch beherrschtes Thema sein, sondern eine Frage strategischer Klugheit. Als parteiloser Kandidat kann und werde ich meinen Vorteil an dieser Stelle zugunsten unserer Region gerne nutzen – auf Basis eines offenen, vertrauensvollen und natürlich persönlichen Verhältnisses untereinander. Ich freue mich darauf.
Foto: © Unabhängige Wählergemeinschaft Kreisverband Mühldorf a. Inn