Lernen und Lesen im Buch der Natur – Im Altöttinger Gries erholen und vergnügen sich Familien und Einzelgänger

„Siehst du: Das ist keine Wolfsmilch, hat der Opa gesagt. Hab ich doch gleich gewusst. Die Blume heißt anders. Aber wie?“ Die Wolfsmilch kennt der Opa genau, und das seit seiner Kinderzeit. Da pflückte er für seine nierenkranke Oma Wolfsmilch im nahen Auenwald. Dabei musste er achtgeben, den aus den Stängeln austretenden weißen Saft nicht an den Mund zu bringen, was  er gern getan hätte. „Der Saft ist giftig“, mahnte die Oma vom Opa. „Was ihr aus dem Gries mitgebracht habt, erinnert zwar an die Wolfsmilch, weil aus den Stängeln auch eine Art Milch austritt. Aber die ist gelblich. Außerdem blüht die Wolfsmilch erst ab Juni. Eure Pflanze blüht zwar fast so gelb wie die Wolfsmilch, aber ihre Blüten sind sternförmig.“

Als die Kinder erfahren, dass die Stängel-„Milch“ ihrer mitgebrachten Pflanze auch giftig ist, werfen sie sie gleich weg. Der Opa hebt sie auf und rückt endlich mit dem Namen dieser Pflanze heraus: Schöllkraut. Und erklärt, dass ihm seine Mama die giftige Milch vorsichtig auf seine Warze am Fuß geträufelt hat, damit sie vergeht. „Und?“, wollen die Kinder wissen, „hat`s geholfen?“ Der Opa schmunzelt und nickt mit Kopf. Jetzt bedauert eines der Kinder, selbst keine Warze zu haben, um das Schöllkraut auszuprobieren.  „Aber dem Papa bring ich Schöllkraut mit, der hat eine Riesenwarze am Fuß.“

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Die Kinder, von denen hier die Rede war, sind von ihrem neuesten Spielplatz zurückgekehrt, dem Natur-Erlebnispfad „Altöttinger Gries“. Er führt ein 1,4 Kilometer langes Stück an beiden Ufern des Mörnbachs entlang und verbindet die eng benachbarten Städte Altötting und Neuötting. Der Rundweg liegt in einem Landschaftsschutzgebiet, das sich durch seine besondere „Biodiversität“ auszeichnet – will heißen: seine bemerkenswerte Vielfalt eines geschlossenen, von Tieren und Pflanzen bewohnten Naturraums. Der von einem ruhigen Fließwasser durchsetzte Auwald mit seinen hohen alten Bäumen und seinem im Frühjahr zu wuchern beginnenden satten Grün besaß schon seit jeher eine hohe Anziehungskraft – sei`s für Spaziergänger mit oder ohne Gassi zu führende Vierbeiner, sei`s für Erholungsuchende, um  Ruhe zu finden oder sportlich auszuschreiten, stadtnah mal abzuschalten und zu meditieren. Eine Tafel des Traunsteiner Wasserwirtschaftsamts erinnert an die Mörnbachwehr-Neueröffnung im Jahr 1982.

Was seither lange diskutiert und seit zwei Jahren nach ausgiebiger Vorbereitung und unter bereitwilliger Mithilfe junger Kräfte durch die Kreisgruppe Altötting des Bundes Naturschutz realisiert wurde, kommt vor allem Familien mit Kindern, nach wie vor aber auch Einzelgängern, seltener Radfahrern zugute, die sich, wie zu beobachten ist, gerne den hier angebrachten Lern- und Lesetafeln sowie attraktiven Lehrstationen zuwenden.

Das Lernen und Lesen im Buch der Natur wird hier zum reinen Freizeit-Vergnügen für jung und alt. Wie die anfangs eingespielte Szene zeigen sollte: Der hervorragend erschlossene und klug genützte Natur-Erlebnispfad regt – außer zum gelegentlichen Toben und manchem Wettlauf – durchaus auch zum Lernen an. Er führt auch dazu, sich frei und ungezwungen in einem überschaubaren und landschaftlich bemerkenswerten, didaktisch ergiebigen Gelände mit ausgewählten Naturgegebenheiten zu beschäftigen – und wenn es auch nur um das Kennenlernen des Unterschieds von Wolfsmilch und Schöllkraut geht. Der Opa zog zur Untermauerung seiner kleinen Lektion daheim sein „Handbuch der Natur“ zu Rate, das Auskunft über Tiere und Pflanzen der Heimat gibt. Im Gries gibt es auch Bücher; die sind in angenehmer Höhe auf Baumstümpfen befestigt, auch wenn sie sich auf- und zuklappen lassen.

Wie das so ist mit dem Lesen bei Kindern: an den Holzbüchern sieht man mehr Mädchen als Buben, die sich in die Texte vertiefen: über die erstaunlich vielen Spechtarten, den Nutzen von Totholz, das Speichern und Abfließen von Regenwasser, das Leben „unter unseren Füßen“ an der „Boden-Seh-Station“, die Schichten der Erdoberfläche. Geht es um die lustigen Erlebnisse des Glühwürmchens Irmi mit ihren Freunden, hören auch die Buben zu. Für die Vor- und jungen Grundschulkinder sind – die Größeren stoßen auch gern dazu – die vielen Gelegenheiten interessant, sich zu bewegen: durch das geheimnisvoll-dunkle Laubtunnel, auf der zwei Meter breiten Spinne Juanita oder auf dem am Boden liegenden, gefahrlos zu besteigenden Kletterbaum.

Ein wesentlicher Gesichtspunkt bei der Wahrnehmung und Nutzung all der  gelenkten und gut erklärten Naturphänomene ist: Kinder genießen das freie Natur-Lernen, das Lesen ohne „Muss“. In der Verbindung von unbeschwerter  Bewegung an der frischen Luft und spannungsgeladener Haltepunkte  – einschließlich der Hängematte und den Klapp-Haltepunkten zum Kennenlernen von, beispielsweise, Hallimasch und Salamander – liegt der Vorzug dieses Erlebnispfades. Er gibt Erziehern und Lehrern genauso viele Möglichkeiten, Kinder an die Natur heranzuführen und sie auf leicht fassbare, ja staunenswerte Erscheinungen im heimatlichen Nahraum aufmerksam zu machen wie er Erwachsenen die willkommene Begegnung mit so mancher bisher noch nie oder nur beiläufig erfahrener Novität eröffnet. „Das hab ich noch nicht gewusst!“, hört man da so manchen Graukopf murmeln, wenn er beim Verlassen des Pfades auf der Altöttinger Seite liest, dass es acht verschiedene Spechtarten gibt. Ob er daheim noch weiß, welcher von ihnen den kräftigeren Trommelwirbel vollführt, der Schwarz- oder der Buntspecht, ist fraglich – aber auch egal. 

11 Haltepunkte auf 1,4 km Länge: Der Natur-Erlebnispfad im Altöttinger Mörnbachtal
Holzbücher – da Fakten, dort Erzählung – sind illustriert und laden zum Verweilen ein.

Bild oben: Aus Rundhölzern besteht die Kletterspinne Juanita, die auch ganz anders heißen könnte.

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