Holger Gottschalk: Der Landkreis Altötting braucht einen Landrat, der die Menschen mitnimmt und moderiert
- inn-sider.de: Erwin Schneider hat den Landkreis über zwei Jahrzehnte geprägt. Welchen Kurs seines Vorgängers werden Sie fortsetzen und in welchen Bereichen planen Sie einen bewussten Neustart?
Erwin Schneider hat viel für die grundsätzliche wirtschaftliche Stabilität des Landkreises getan. Diese Verlässlichkeit für unsere Unternehmen werde ich uneingeschränkt fortsetzen. Einen klaren Neustart plane ich jedoch bei der politischen Kultur: Wir brauchen mehr Transparenz bei Entscheidungen und eine viel stärkere Einbindung der Bürgerinnen und Bürger. Die komplexen Herausforderungen der Zukunft erfordern einen modernen, kooperativen Führungsstil und einen Landrat, der die Menschen mitnimmt und moderiert.
- inn-sider.de: Als wichtiger Industriestandort ist Altötting massiv von Deindustrialisierung betroffen. Wie wollen Sie die Auswirkungen des Strukturwandels abfedern?
Die Transformation unserer Industrie darf auf keinen Fall zu einem Verlust von Arbeitsplätzen führen. Die komplexen stofflichen und energetischen Prozesse in unserem Chemiedreieck müssen auf klimaneutrale Grundlagen gestellt werden – das ist technisch anspruchsvoll, aber machbar. Dafür brauchen die Betriebe bezahlbare, grüne Energie und eine massive Beschleunigung der Planungsverfahren. Ich werde mich auf allen politischen Ebenen dafür einsetzen, dass wir diese Transformation technisch flankieren, damit Altötting nicht nur Produktionsstandort bleibt, sondern zum Vorreiter für innovative Industrie wird.
- inn-sider.de: Der Konflikt zwischen industriellem Energiebedarf (Chemiedreieck) und dem Schutz des Forstes spaltet den Landkreis. Wie wollen Sie den Bau der Windräder moderieren, um sowohl die Energieversorgung zu sichern als auch den sozialen Frieden im Landkreis zu wahren?
Hier geht es um ein genaues Abwägen zwischen der Sicherung unseres Industriestandorts und der Ökologie unserer Wälder. Biologische Vielfalt und Klimaschutz dürfen hier nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ich werde als Brückenbauer agieren: Wir brauchen absolute Transparenz bei den ökologischen Gutachten, echte Bürgerbeteiligungen und klare, resiliente Ausgleichsmaßnahmen vor Ort. Der Ausbau der Windkraft muss so naturverträglich wie möglich umgesetzt werden, damit der Rückhalt in der Bevölkerung erhalten bleibt.
- inn-sider.de: Das Defizit der Kliniken belastet den Kreishaushalt massiv. Welche Schritte müssen gegangen werden, um eine hochwertige medizinische Versorgung in Altötting und Burghausen dauerhaft zu finanzieren?
Eine gute medizinische Versorgung ist Kernaufgabe der Daseinsvorsorge und darf nicht rein nach betriebswirtschaftlichem Profit bewertet werden. Die begonnene Neustrukturierung und Spezialisierung innerhalb des InnKlinikums – wie die Bündelung in Altötting/Mühldorf und die Entwicklung des Standorts Burghausen – war ein harter, aber notwendiger Schritt zur Defizitreduzierung. Jetzt gilt es, diese neuen Strukturen zu stabilisieren. Wir müssen die ambulante und stationäre Versorgung noch intelligenter verzahnen und attraktive, verlässliche Arbeitsbedingungen für das Personal schaffen, um die Qualität dauerhaft zu sichern.
- inn-sider.de: Die finanzielle Lage des Landkreises ist mehr als angespannt. Wie wollen Sie Altötting finanziell zurück auf die rechte Bahn bringen? Wo muss gespart werden, wo gibt es eventuell neue Einkommensquellen?
Angesichts der Haushaltslage ist eine strikte Priorisierung unerlässlich. Komplexe Abläufe und knappe Ressourcen effizient zu managen, ist mir durch meine jahrelange organisatorische Verantwortung im Bildungsbereich bestens vertraut. Wir müssen interne Verwaltungsprozesse verschlanken, um Kosten zu senken, ohne beim Personal pauschal die Axt anzulegen. Neue Einnahmen generieren wir vor allem durch die gezielte Ansiedlung von Zukunfts- und Zulieferbranchen rund um unser Chemiedreieck sowie durch die konsequente und professionelle Abschöpfung von Fördergeldern aus Land, Bund und EU.
- inn-sider.de: Die Kapazitäten bei der Unterbringung von Geflüchteten sind vielerorts erschöpft. Welches Konzept verfolgen Sie, um die Kommunen bei der Integration und dezentralen Unterbringung besser zu unterstützen?
Diese Frage spiegelt glücklicherweise nicht mehr unsere aktuelle Realität im Landkreis wider. Der Zustrom ist zuletzt spürbar zurückgegangen, sodass wir Notlösungen wie Containerunterkünfte bereits erfolgreich zurückbauen konnten. Die akute Phase der reinen Unterbringung haben wir also weitgehend hinter uns gelassen, was auch der großen Kraftanstrengung unserer Kommunen zu verdanken ist.
Jetzt gilt es, den Fokus auf die eigentliche Aufgabe zu richten: die nachhaltige Integration der Menschen mit Bleibeperspektive. Mein Konzept setzt dabei ganz klar auf Arbeit und Bildung als stärkste Integrationsmotoren. Wir müssen die Zusammenarbeit zwischen Ausländerbehörde, Jobcenter und unserer heimischen Wirtschaft weiter intensivieren, um bürokratische Hürden bei der Arbeitsaufnahme noch schneller abzubauen. Wer seinen Lebensunterhalt selbst bestreitet, die Sprache lernt und am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, entlastet die kommunalen Kassen dauerhaft und stärkt den sozialen Frieden vor Ort.
- inn-sider.de: Wo hakt es Ihrer Meinung nach noch im Bürgerservice? Wie sieht Ihr Plan aus, um das Landratsamt zu einer digitalen Behörde zu machen?
Ein modernes Landratsamt muss als echter Dienstleister für die Menschen agieren. Aktuell dauern viele Prozesse zu lange, und der Papierkram ist zu hoch. Mit einem klaren Blick für technologische Lösungen werde ich den Ausbau digitaler Antragsverfahren (E-Government) massiv vorantreiben. Eine Möglichkeit wäre hierbei ein zentrales Online-Bürgerportal, in dem Bescheinigungen, Anträge und Formulare mit wenigen Klicks erledigt und der Bearbeitungsstand jederzeit transparent eingesehen werden kann. Das entlastet unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und spart den Bürgern wertvolle Zeit.
- inn-sider.de: Welches Projekt im Landkreis würden Sie innerhalb der ersten 100 Tage im Amt sofort zur „Chef-Sache“ erklären?
Die lückenlose und transparente Kommunikation zur PFOA-Belastung in unserer Region. Dieses Thema verunsichert die Menschen im Landkreis massiv und duldet weder Aufschub noch eine Hinhaltetaktik. Gerade bei derart komplexen chemischen und biologischen Zusammenhängen ist es zwingend notwendig, die Fakten sachlich und vor allem für jeden verständlich aufzubereiten. Wir müssen Behörden, Industrie und die Bürgerinnen und Bürger zusammenbringen, um einen glasklaren, verbindlichen Fahrplan für den Schutz unseres Trinkwassers und der Böden umzusetzen.